Warum macht ihr das?

Das werden die ehrenamtlichen Flüchtlingshelferinnen und -helfer der Initiative 132 in Stade-Wiepenkathen oft gefragt und die Antwort hat sich auch nach fast zwei Jahren Flüchtlingsarbeit nicht geändert.

Am Anfang war es die spontane Bereitschaft, „Ja“ zu sagen zur Hilfe für die anreisenden Asylsuchenden, die im Trubel der Flüchtlingswelle nach Wiepenkathen kamen. Zwölf Ehrenamtliche aus dem Dorf formierten sich zu einer Gruppe, die dies als aktive Nachbarschaftshilfe sahen und tatkräftig Unterstützung leisteten – handwerklich, organisatorisch, praktisch, mental. Eine zeitintensive und bisweilen auch psychisch anstrengende Herausforderung, die zunächst kaum Luft und Zeit zum Nachdenken ließ. Da war es gut, dass sich die regelmäßig stattfindenden Helfertreffen trotz der Fülle an Aufgaben nicht nur auf die organisatorischen Dinge beschränkten, sondern Raum ließen für den Austausch untereinander. Das ist bis heute so geblieben.

Hier werden nicht nur Fragen wie „Was ist der richtige Weg?“ zum Umgang mit den Flüchtlingen als Selbstanalyse und Weiterentwicklung dieser Hilfe zur Selbsthilfe beantwortet, sondern hier berichten alle von ihren individuellen positiven wie negativen Erfahrungen mit ihren Schützlingen. Dass es aufgrund unterschiedlicher Kulturen bei manchen Helfern zu Unverständnis in Punkto Sauberkeit, Ordnung, Kindererziehung, Verhaltensweisen und Pflichtbewusstsein kommt, liegt auf der Hand. Die Gespräche in der Gruppe der Ehrenamtlichen helfen damit umzugehen. Angebotene Vorträge über andere Kulturen helfen zu verstehen.

Alle Helfer sind sich einig darüber und freuen sich, dass sie gelernt haben, alle so zu nehmen wie sie sind. Jeder Asylsuchende wird nicht politisch gesehen, sondern als Mensch. Aus dieser Erkenntnis schöpfen sie die Motivation, ja Freude, genauso mit ihrer Arbeit weiterzumachen. Sie sehen es als persönliche Bereicherung, aus dieser ehrenamtlichen Tätigkeit viel über sich und andere Menschen zu lernen. Auch werden die Helfer immer mal wieder nach dem Sinn ihres Einsatzes gefragt, wenn klar wird, dass „ihre“ Flüchtlinge in ihr Land zurück müssen. Sie selbst stellen sich die Frage nach dem Sinn nicht; es ist ein Akt der Menschlichkeit, bei dem der Moment zählt. Wenn es dann aber soweit ist, dass Abschied genommen werden muss, kommen manche Helfer doch an ihre emotionalen Grenzen, sind ihnen doch besonders die Kinder ans Herz gewachsen. In solchen Momenten wird deutlich, dass es Abgrenzungen geben muss zwischen dem persönlichen Einsatz und den damit verbundenen Empfindungen und den Flüchtlingen und ihrer Geschichte.

Grenzen setzen lernen die Helfer eigentlich schon in der täglichen Arbeit. In vielen Situationen ist es notwendig, dass Erwachsene wie Kinder in die Schranken verwiesen werden und Regeln aufgezeigt werden müssen. Nur so kann der Umgang miteinander und untereinander funktionieren – in der Asylunterkunft Dorfstraße 132 lebten bis zu 40 Personen unter einem Dach, heute sind es deutlich weniger. Jeder Helfer hat da seine eigene „Sozialpädagogik“ mit dem Ziel, die Truppe gemeinsam in den Griff zu bekommen. Und jeder hat seine eigene Art und unterschiedlich ausgeprägte Schwierigkeiten, die notwendige Distanz zu bewahren. Aber auch hier hilft die Gruppenarbeit. Die Gespräche untereinander tragen nicht nur dazu bei, dass dieser Abstand emotional bei jedem gewahrt wird, sondern erzeugen auch ein enorm starkes Gruppengefühl. Alle sorgen füreinander und gemeinsam sorgen sie sich um die Flüchtlinge: Mit Sprachkursen, Spielenachmittagen, Behördengängen, Kochabenden, Schwimmbadbesuchen, Ausflügen und Arztbesuchen. Jeder leistet seinen ganz persönlichen Beitrag und ganz nach seinen Fähigkeiten.

Unterstützung erhalten die Ehrenamtlichen auch von der Hansestadt Stade. Neben großer Anerkennung für ihren Einsatz organisiert sie zum Beispiel von der Caritas oder dem Diakonieverband angebotene „Fortbildungen“ wie Vorträge über die Rolle der Frau in anderen Kulturen oder Seminare zu „Nähe und Distanz im Ehrenamt“, um verschiedene Problematiken besser verstehen zu können. Im Problemfall zeigen die Mitarbeiter der Stadt durch eine schnelle Reaktionszeit ihre Wertschätzung und sind immer bemüht, Abhilfe zu schaffen. Einzig die Zurverfügungstellung von Sprachmittlern war von Anfang an schwierig. Der Mangel an Dolmetschern veranlasste nicht nur zur Gebärdensprache, sondern offenbarte auch neue Bekanntschaften. Schon lange in Wiepenkathen lebende Türken boten sich an, zur Verständigung beizutragen und boten ihre Übersetzungskenntnisse an. So geht Integration. 

Auf die Frage, ob man nicht ein wenig Dankbarkeit erwarte, gibt es ein klares „Nein“. Das eigene Gefühl, dass man etwas Gutes tut, reiche aus und mancher empfindet eben für dieses Gefühl Dankbarkeit, es zu haben. Es sind die kleinen Gesten im Zusammensein mit den Flüchtlingen, die ahnen lassen, dass sie dankbar sind und wissen lassen, dass sie Vertrauen in ihre Fürsorger haben. Bei allen Helfern bleibt aber trotz aller Bemühungen das unbefriedigende Gefühl, dass ihre Arbeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Nicht nur die mangelnden Deutschkenntnisse, sondern auch verbreitet Defizite bei den kognitiven Fähigkeiten veranlassen zur Sorge über eine positive Zukunft. Aber auch hier muss innerhalb der Gruppe immer wieder daran erinnert werden, dass dies eben nicht die Sorge der Helfer sein darf. Wie es weitergeht mit den Flüchtlingen, ist sowieso eine politische Entscheidung. Apropos Politik: Hier würde man sich mehr einheitliche Strukturen, weniger Bürokratie und schnellere Entscheidungen wünschen. Die Erlaubnis zu arbeiten, würde vielen Flüchtlingen – und ihren Betreuern- helfen. Nicht in finanzieller Hinsicht, sondern in psychischer. Die Erfahrung zeigt, dass diejenigen, die arbeiten dürfen, wesentlich ausgeglichener sind und sich besser integrieren. Abgesehen von der Sprache, die sie dabei lernen.

Nicht zu vergessen bei dem ehrenamtlichen Einsatz der Flüchtlingshelfer sind die Familien dahinter. Von ihnen wird viel Akzeptanz und Toleranz für die für Außenstehende manchmal schwer nachzuvollziehenden Verhaltensweisen mancher Flüchtlinge abverlangt. Aber auch hier hilft reden, um besser verstehen zu können.

Wer der Gruppe der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer der Initiative 132 beitreten möchte, ist herzlich willkommen. Es werden noch Helfer gesucht und es spielt keine Rolle, wieviel Zeit man in die Flüchtlingsarbeit einbringen kann. Für einen Kennenlerntermin bitte kontaktieren: Marita Friedl, Telefon: 04141/ 78 77 77 www.nachbarnimstadtteil.de

 

Über die Initiative 132

Die Initiative 132 und das Netzwerk „Nachbarn im Stadtteil“ als Organisation der Markusgemeinde in Hahle ist ein Zusammenschluss vieler ehrenamtlicher Helfer um den Koordinator der Markusgemeinde Matthias Witzig, Marita und Manfred Friedl (Hauseigentümer des Gebäudes in der Dorfstraße 132 in Wiepenkathen) und Wiepenkathens Bürgermeister Horst Deede, die sich mit der Helfergruppe um die täglichen Belange der Asylsuchenden kümmern. Dazu gehören Arztbesuche, dir Organisation von Deutschkursen- und Freizeitangeboten, Dolmetschertätigkeiten und viele weitere Aufgaben, um die Zeit der aus unterschiedlichen Ländern stammenden Flüchtlinge bis zur Klärung des Asylstatus zu erleichtern.

 
 
 

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Ansprechpartner:

 

Wolfgang Hönisch
 04141 - 84 20 8